Schulchronik von Agethorst 1939 - 1945

Das Kapitel wurde  verfasst  von den Lehrern Johannes Kirchmann, Ostenburg und Wilke, 
der Lehrerin Frieda Wiekhorst, den Lehrern Doose und Struve, der Leherin Marga Göttsche und der Schülerin Lisa Grau

Sommerhalbjahr 1939
 
" Am 12. April begann das neue Schuljahr, neu eingeschult wurde: Gerda Fock. 
Die Schülerzahl betrug 26: 13 Knaben u. 13 Mädchen. 


Die Schülerin Grete Pries befindet sich seit Sommer 1937 zur Erholung auf Amrum. Da es anscheinend eine unheilbare Krankheit (Hüfttuberkulose) Ist, wird sie wohl nicht wieder in unsere Gemeinschaft zurückkehren. Gesehen: 25.1.44
 
Anfang September 1939 wurde Lehrer Kirchmann zur Wehrmacht einberufen. Die Schule In Agethorst wurde mit der von Nienbüttel vereinigt. Lehrer Ostenburg, Nienbüttel, unterrichtete beide Klassen gemeinsam und zwar abwechselnd In Nienbüttel und Agethorst. Am 18.6.1940 wurde Lehrer Ostenburg nach Tichau in Oberschlesien

versetzt. Die Vertretung übernahm Lehrer Wilke und Fräulein Wiekhorst aus Wacken und zwar je zwei Tage in der Woche abwechselnd in Agethorst und Nienbüttel.
Ab 15. Oktober 1940 unterrichtete Lehrer Wilke 3 Tage In der Woche in Nienbüttel, Fräulein Wiekhorst schied aus, da sie eine Vertretung in Grlbbohm übernehmen mußte.
Vom Herbst 1941 bis Ostern 1942 unterrichteten Hauptlehrer Doose aus Schenefeld und Lehrer WiIke aus Wacken je zwei Tage in der Woche in Nienbüttel.

Am 20. April 1942 wurde Lehrer Struve von Behringstedt nach Agethorst und Nienbüttel abgeordnet. Die Schülerzahl betrug 53 und zwar 23 Kinder aus Agethorst und 30 Kinder aus Nienbüttel und Bokelrehm (Kohlenbek). Der Unterricht wurde in Agethorst erteilt. 
Im Herbst 1942 wurden 9 Kinder neu eingeschult, 4 aus Agethorst, 4 aus Nienbüttel und 1 aus Kohlenbek. 
Die Schülerzähl stieg damit auf 59 Schüler.
Von Mai bis November 1943 wurden die Kinder In der Schule in Nienbüttel unterrichtet. Während der Sommermonate mußten die größeren Schulkinder oft bei der Ernte helfen. Im Unterricht machte es sich am

Frida Wiekhorst

stärksten im Monat September bemerkbar, 3 Wochen lang wurden die Kinder der Mittel- und Oberstufe bei gutem Wetter um 10 Uhr morgens vom Unterricht beurlaubt, um bei der Kartoffelernte zu helfen. Mit großem Fleiß beteiligten sich die Schulkinder an der Sammlung von Heilkräutern. Es wurden an die Kreissammelstelle folgende Drogen abgeliefert: 9 Kg Huflattigblüten, 13 Kg Huflattigblätter, 3 Kg Rainfarnblütendolden, 2 Kg Schafgarbeblütendolden, ½ Kg Taubnesselblüten, 10 Kg Taubnesselkraut.

Am 10. November 1943 wurde Fräulein Göttsche, Behringstedt, mit der Verwaltung der Schulstellen in Agethorst und Nienbüttel beauftragt. Lehrer Struve übernahm wieder seine Schulstelle in Behringstedt. Die Eintragungen wurden von dem Lehrer Struve nachgeholt. 13.6.44.

Feier zum 10. Jahrestag der "Machtergreifung" im Stadttheater Heide (Januar 1943)

für die Lehrerin nicht ermittelt werden, so daß sie vom 21.Febr.44 ab "reihum" jeder Haushalt eine Woche beköstigen mußte.
Am 13. Juni bestand die Lehramtsanwärterin M. Göttsche ihre 2. Prüfung an der hiesigen Schule mit dem Prädikat "gut". Der Prüfungsausschuß bestand aus dem Herrn Schulrat Petersen, Rendsburg, dem Herrn Rektor Maßberg, Rendsburg und dem Herrn Rektor Juels, Rendsburg. Geprüft wurden Geschichte, Deutsch und Rechnen.


Folgende Aufzeichnungen wurden von der Schülerin Lisa Grau für die Schulchronik gemacht:
 
17.2.1944   
Die Gemeinde Agethorst hat beschlossen, Behelfsheime für Bombengeschädigte zu bauen.
 
12.3.1944  
Am 3. März 44 landete ein englischer Pilot mit dem Fallschirm in der Gemarkung Agethorst. Sein Flugzeug wurde In Brand geschossen. Er wurde von 2 Bauern gefangengenommen.
 
15.3.1944   
Uwe Fock, Sohn des Arbeiters Max Fock, Ist vom Südabschnitt der Ostfront als "Vermißt" gemeldet.
 
5.6.1944   
Der Bauer Hans Holmer sah morgens 1/2 5 mitten Im Dorfe auf Breiholz Koppel einen BalIon aufsteigen, der etwa 3m Durchmesser hatte. Die Sache Ist noch ungeklärt.
 
6.6.1944   
Am Abend des 8.Mai hatten wir Schulkinder mit unserer Lehrerin ein Maisingen auf Struves Hauskoppel.
 
Das Programm war folgendes: 
1.  Wacht auf, wacht auf, der Lenz bricht an
2.  So fröhlich wie der Morgenwind
3.  Gedicht: Hoffnung ( Sprechchor )
4.  Nicht lange mehr ist Winter ( 4st. Kanon )
5.  Gedicht: In der Winternacht (Klaus Hinrichs )
6.  De Lünken von de Jakobikark (2st Kanon)
7.  G. Frühlingsbotschaft (Hans Otto Köhne)
8.  Der Winter ist vergangen ( mit Oberstimme )
9.  G. Kinderlied im Frühling (mit verteilten Rollen
10. Es tönen die Lieder (3st. Kanon)
11. G. Frühlingsglaube (Ilse Fock)
12. Nun will der Lenz uns grüßen (mit Gegenst.)
13. Mai ( Ilse Rehder )
14. Grüß Gott, du schöner Maien ( 2 st.)
15. G. Frühlingsmahnung (Th. Rehder )
16. Jetzt kommt die fröhliche Sommerzeit.
17. G, Wenn der Frühling kommt (mit verteilten Roll.)
18. Die Vögel wollten Hochzeit halten(mit vert. Roll.)
19.  Alle Vögel sind schon da (mit Gegenst.)
20. G. Der erste Storch (Reimer Holm) 21-G. Kalversnack (Lisa Grau)
22. G. Menschen auf Jagd (Gisela Radeboldt)
23. G. Der Frosch (Hans E. Kruse)
24. Heut ist ein Fest bei den Fröschen am See (6st, K.) 
25. So treiben wir den Winter aus.
26. Heut ist ein freudenreicher Tag (Sommer: I. Hinzmann, Winter: Rudolf Köhne streiten sich; 3st. Kehrreim)
27. Wir tanzen im Maien,
28. Tänze: Laßt uns auf die Wiese gehn und Wenn kühl der Morgen atmet. 
29. Gemeinsames Schlußlied: Der Mai ist gekommen.
 
Wir Kinder hatten uns in einem Halbkreis auf der Wiese aufgestellt. In dem Halbkreis standen Sommer und Winter. Der Sommer hatte ein weißes Kleid an. einen Blumenkranz im Haar und einen Blumenstrauß im Arm. Der Winter hatte einen großen Wintermantel an, einen Hut auf und einen Stock in der Hand. Sommer und Winter haben sich tüchtig gestritten. Viele Zuhörer waren gekommen, sogar Polen und Ukrainer. Alle wollten unser Singen hören. Uns allen hat es viel Freude gemacht und unsern Gästen auch.
 
29. Juli 44       
Am Abend des 28.Juli veranstalteten wir in der Nlenbüttler Schule ein Abendsingen. 
Wir sangen Abend- und Wanderlieder:
 
1.  Hie kann nit sein ein böser Mut (4st.K.)
2.  Nun fanget an, ein gut 's Liediein (4st.K.)
3   Gedicht:Wer recht in Freuden wandern will (Lisa G.)
4.  Auf,auf ihr Wandersleut.
5.  Alle Wege schreiten
6.  Gedicht: Ich gin im Walde (Th. Rehder )
7.  Auf du junger Wandesmann
8.  Gedicht: Das Häslein (Gerda Schlüter)
9.  Dem Fröhlichen gehört die Welt (3sr.K.)
10. Wenn kühl der Morgen.
11. Gedicht: Der Bauer und sein Kind (Käthe Hausschild)
12. Froh zu sein (4st.K.)
13. Wenn alle Brünnlein (mit Gegenst.)
14. Dort nied'n in jenem Holze (Str.1+2 Chor 2st./ 3+4 Solo 2st./ 5 Stimmen)
15. Wenn kein Nacht (3st.K.)
16. Gedicht: Ich habe meine Arbeit getan (Klaus Hinrich)
17. Bim-Bam ( 4st. K:)
18. Gedicht:Das große, schöne Taggestirne (Marga Hauschild)
19. Nacht bricht an (4st.K.)
20. Gedicht: Es ist so still geworden (Ilse Rehder)
21. Der Tag will nun verklingen ( kl. Chor)
22. Abendstille überall (3st.K.)
24. Öwer de stillen Straten (kl.Chor u. Summen)
25. Gedicht: Still min Hanne (Emma Boe)
26- Die Blümelein, sie schlafen (kl. Chor )
27. Kindlein mein (solo: Marga Hauschild)
28. Gedicht: Eh ich mich niederlege (Ilse Hinzmann)
29. Der Mond ist aufgegangen (mit Gegenst.)
 
Es waren viele Leute gekommen, so daß wir noch mehr Bänke holen mußten. Es war ein sehr schöner Abend.
Am 15. Juli 44 fiel an der Ostfront der Sohn des Arbeiters Hans Allerding, Albert Allerding.
An Unterricht in der Schule war in den letzten 10 Monaten [gemeint: Herbst 1944 bis Sommer 1945] kaum zu denken. Nach den Sommerferien 1944 wurde er fast jeden Tag durch Fliegeralarm gestört
 
29.10.44        
An der Ostfront fiel Peter Holmer, Sohn des Bauern Hans Holmer. Er ist der dritte Sohn, der in diesem Kriege in dieser Familie gefallen ist.
 
16.11.44        
Bernhard Holmer, der Sohn des Bauern Holmer, wurde von der Westfront als vermißt gemeldet. 
 
Die Schulkinder sammelten Pferdehaare, damit die Reinmachefrau der Schule einen neuen Besen bekam.        Er wurde im Alten- und Pflegeheim in Schenefeld gebunden.

Gestern kamen die ersten Evakuierten aus Neumünster.
Anfang Dezember mußte der Unterricht ganz aufhören, weil der Kohlenvorrat zu Ende war und in der kalten Klasse nicht unterrichtet werden konnte.
 
12.12.44        
Am 12.12.44 mußte die Schule wegen Kohlenmangel schließen.
 
17.1.1945         
Gestern brannte das Gewese des Bauern Johannes Boe, Hungerkamp, bis auf die Grundmauern nieder. Alle Tiere wurden gerettet, aber von dem sonstigen Inventar nur wenig. Über die Ursache des Brandes ist nichts bekannt, das strohgedeckte, alte Haus stand plötzlich in hellen

Flammen.

15.2.45         
Heute sind die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen angekommen.

Nach den Weihnachtsferien gab ich zunächst täglich Hausaufgaben in der Klasse auf und sah Hausaufgaben nach bzw. hörte sie ab. Jede die Abteilung war etwa 1/2 Stunde In der Klasse, die Lehrkraft täglich mindestens 2 1/2Stunden, Aus Gesundheitsrücksichten mußte dies geändert werden. So wurden zunächst die beiden Schulen Agethorst und Nienbüttel getrennt und jede Schule erhielt jeden 2. Tag in Privathäusern der betr. Dörfer Aufgabenunterricht. In beiden Dörfern wurde viel Verständnis für die Arbeit der Schule gefunden. An ein Vorwärtsarbeiten war nicht mehr zu denken, der Leistungsstand der Klasse auch nicht mehr zu halten, zumal auch die vielen Fremden, besonders die Kinder aus Ostpreußen, den Unterricht ungeheuer hemmten. Ende Februar erreichte die Schülerzahl Ihren Gipfelpunkt!  82 Schulkinder! Auch das wuchs der jungen Lehrkraft fast über den Kopf. Was im Frieden kaum einem alten, erfahrenen Lehrer zugemutet wird, das mußte im Kriege unter sehr schwierigen

Verhältnissen eine junge Lehrerin leisten!
 
Ende April wurde es allmählich wärmer, so daß zunächst 3 Stunden täglich, dann ab 

21.4.45 

der volle Unterricht wieder aufgenommen werden konnte. Das war ein Freitag, für die Lehrkraft und für die Schüler. Mit geballter Kraft ging's an die Arbeit. Aber schon am 

27.4.45 

mußte die Schule wieder geschlossen werden, da sie mit Flüchtlingen belegt werden sollte.

Am 7.5.45 wurde die deutsche Kapitulation ausgesprochen und damit jeglicher Unterricht verboten."

Im 2. Weltkrieg gefallene Agethorster